Volksblatt bzw. Mainpost Online, 24. Oktober 2003

24.10.2003
Pferdekutsche als "Speisewagen"

Altstadt
"Diocletian war von 284 bis 305 nach Chr. römischer Kaiser und wie ich Dalmatiner von Geburt", erzählt Restaurantchef Nediljko Caktas. Der Feinschmecker von Gottes Gnaden gab dem gleichnamigen Speiselokal am Würzburger Sternplatz den Namen. In Split war der Ruhesitz des Imperators, der das römische Weltreich teilte. Caktas, der in der Nähe Splits zur Welt kam, bediente mit seiner Frau Rita seit Februar 1969 Einheimische und Gäste aus aller Herren Länder in der Innenstadt. Mitte November ist jetzt nach fast 35 Jahren Schluss.

Die drei Prunkstücke des Diocletian: Nediljko Caktas, seine Frau Rita und die berühmte Kutsche. Foto: Obermeier 
 
Viele treue Gäste werden die Spezialitäten der kroatischen Küche vermissen, die alle hausgemacht waren - von der Gulaschsuppe bis zum Knoblauchsteak. Diplom-Hotelier Caktas hat sein Fach von der Pike auf gelernt. Er war auf der Hotelfachschule in Opatija. Auf der Adria-Insel Brioni bediente er 1956 den ehemaligen jugoslawischen Staatschef Tito, ausländische Botschafter und Staatspräsidenten. Doch das kommunistische Regime hat ihn später nach Deutschland emigrieren lassen.

Hier fand er Arbeit in manch noblem Haus. Im Steigenberger in Stuttgart lernte er seine Frau Rita kennen. Die stammte aus Baldersheim bei Ochsenfurt. Bei einem Besuch am Main gefiel ihm das noch immer von vielen Kriegsschäden gezeichnete Würzburg. Mit Mut zum Risiko und Erspartem machte man sich selbständig. 1966 begann man in der Zellerauer Weißenburgstraße. 1969 wurde am Sternplatz das "Diocletian" eröffnet. Mit viel Liebe zum Detail wurde das Lokal ausgestattet. Neben den Wandgemälden sind es ausgesuchte Bilder, alte Waffen und kroatische Bauerngerätschaften, die ins Auge fallen.

Pferdekutsche im Lokal

Das Prunkstück des Lokals aber ist die Kutsche, die im Lokal steht. Sie stammt aus dem Spielfilm "Der Kornett" (Rilke), der in den 60er Jahren auf der Würzburger Festung gedreht wurde. Innen mit rotem Samt beschlagen, ließ sich in der Kutsche fürstlich speisen. Manch illustre Gäste

machten bei ihren Würzburg-Besuchen im "Diocletian" Rast. Der König von Nepal war 1970 vom Lamm "a la Nediljko" angetan. Fernsehkoch Paul Enghofer zeigte sich in der Bayerischen Schmankerlküche von der nachbarschaftlichen Hilfe beim "Cevapcici" begeistert. "Der Chef des Hauses hat vorzüglich gekocht und gesprochen. Millionen Zuschauer werden es Ihnen danken". So steht's im Gästebuch. Vom jugoslawischen Botschafter aus Bad Godesberg bis zur deutschen Fecht-Nationalmannschaft mit Emil Beck reicht die Liste der Gäste. Besonders stolz war der Gastronom, als die kroatische Wasserball-Nationalmannschaft 1992 sein Lokal besuchte, die mit den ersten Pässen des freien unabhängigen Staates Kroatien anreiste.

Bei allem Stolz auf seine Lebensleistung ist der temperamentvolle Kroate, der seit 1965 deutscher Staatsbürger ist, ein Mensch voller Großherzigkeit und Großzügigkeit gewesen. Im jugoslawischen Bürgerkrieg hat er oft Hilfstransporte mit Lebensmitteln ausgestattet und in seine Heimat gefahren.

Wer sich je mit dem Hobby-Historiker Nediljko Caktas über Politik, Geschichte und Weltgeschehen unterhalten hat, weiß, dass er es mit einem Gesprächspartner zu tun hat, der bei seinem Lieblingsthema nicht zu bremsen ist. Ansonsten verliert Würzburg das älteste jugoslawische Restaurant Unterfrankens und damit auch ein Stück Nachkriegsgeschichte. Die Nachfolger werden nach einer Umgestaltung italienische Küche anbieten.


Von unserem Mitarbeiter Walter Frühauf